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Ein Riss im Weltbild

Ein Artikel von Carsten Dohnke.

(Veröffentlicht im Tao-Magazin 1995 sowie 2015  im Taiji-Qiong Jounal)

Von Qi wird häufig gesagt, dass es die Verbindung sei zwischen der
materiellen und der geistigen Ebene. CARSTEN DOHNKE berichtet von Forschungsergebnissen, die dies in anschaulicher Weise belegen. Er weist darauf hin, dass diese Erkenntnisse – sofern wir bereit sind, sie wirklich in unser Bewusstsein dringen zu lassen – unser Weltbild grundlegend verändern.

Als mein Professor mir 1990 sagte, dass ich meine Magisterarbeit nicht über einen daoistischen Text, sondern lieber über den Begriff “Qi” schreiben sollte, war ich enttäuscht. Ich antwortete ihm: “Die Chinesen wissen doch selbst nicht genau, was Qi eigentlich ist. Was soll denn ich dabei Neues herausfinden?”
Die persönlichen Forschungen und Erfahrungen der nächsten Jahre veränderten meine Ansicht dazu wesentlich. Ich vertrete heute nicht nur die Meinung, dass sich wichtige Dinge über das Qi sagen lassen. Was ich in diesem kurzen Artikel sagen möchte, ist folgendes: Ein genaueres Verständnis von dem, was Qi ist und wie Qi wirkt, wird eine tiefgreifende Veränderung unseres gesamten Weltbildes mit sich bringen. Das gilt nicht nur für persönliche Lebensbereiche, sondern vor allem für Wissenschaftsgebiete wie Psychologie, Philosophie, Religionswissenschaft und Medizin.

Die meisten religiösen und esoterischen Lehren dieser Welt vertreten die Annahme, dass der Mensch neben dem rein physischen Körper ein Energiesystem besitzt, durch das das einzelne Individuum mit dem Kosmos in Verbindung steht. Die indische und die chinesische Kultur haben dieser Idee, mit unterschiedlichen Ansätzen und Schwerpunkten, sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht und über die Jahrhunderte in Indien das Chakra-Nadi-System und in China das Meridiansystem entwickelt. Das Meridiansystem liegt dabei mehr im physischen Bereich als das Chakra-System, welches eher die rein feinstofflichen Aspekte des Seins beschreibt.

In den zugrunde liegenden Lehren beider Systeme wird die Ansicht vertreten, dass ein Netzwerk von nicht-physischen Kanälen und Zentren des menschlichen Körpers von einer nicht unmittelbar nachweisbaren Energie durchflutet wird. In China nennt man diese Qi, in Indien Prana. Erst durch die Existenz dieser Energie gibt es eine Verbindung zwischen dem physischen Körper und dem Rest des Universums. Der Mensch wird so zur “Manifestation eines universellen Energie- und Bewusstseinskontinuums” . Dieser Ansicht nach ist der physische Aspekt des Menschen nur die sprichwörtliche “Spitze eines Eisberges”. Und ein separates Selbst, das getrennt von den Dingen der Außenwelt existiert, ist reine Illusion.


Aus streng wissenschaftlicher Sicht gilt diese Theorie über die menschliche Natur als “vollkommen unbewiesen”. Sie begegnet uns weder in unseren Schulbüchern noch an unseren Universitäten, hat keinen Einfluss auf unser traditionelles religiöses Weltbild und spielt nur für wenige Menschen im Alltagsleben eine Rolle.
Das liegt zum einen daran, dass die nicht-physische Dimension des Lebens schwer zu beweisen ist – und Wissenschaft unterscheidet nun einmal zwischen Glauben und nachweisbaren Tatsachen. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass sie vollkommen unserem gesamten Weltbild widerspricht. Daher wird in der westlichen Welt überhaupt nicht in diese Richtung geforscht. Die moderne Quantenphysik geht zwar über den Dualismus von Subjekt und Objekt hinaus, hat aber kaum Auswirkungen auf geisteswissenschaftliche Bereiche. Interessant ist auch, dass die meisten Wissenschaftler, die sich mit moderner Physik beschäftigen, im Alltag nach wie vor nach einem dreidimensionalen Weltbild leben. Nur wenige von ihnen glauben zum Beispiel an Telepathie oder andere schwer erklärbare Phänomene.

Jahrelange Forschung

Der Mensch ist im Westen ein klar abgrenzbares Individuum. Auf dieser Grundlage basiert alles weitere Denken. Der berühmte Satz von Descartes “Ich denke, also bin ich” ist aus buddhistischer Sicht einer der größten Irrtümer der westlichen Philosophie, denn er wurde im Zustand des “Alltagsbewusstseins” formuliert, in dem durch den Trug der Sinne immer die Illusion eines Selbst existiert. Aus diesem Grunde werden auch Qigong-Übungen gerne rein medizinisch erklärt: Qigong wird dann zur Gesundheitsgymnastik, akzeptiert von den Krankenkassen und der westlichen Ärzteschaft.
Gerade deshalb ist es beachtenswert, dass am “Institut für vergleichende Religionswissenschaft und Parapsychologie” in Tokio, unbeachtet von der westlichen Wissenschaft, bereits seit 30 Jahren an der Erforschung des Chakra-Systems, der Meridiane und des Qis gearbeitet wird. Auch in China und in den ehemaligen Ostblockländern gibt es Forschungen in diese Richtung. Das Besondere am Institut für vergleichende Religionswissenschaft und Parapsychologie ist aber, dass der Schwerpunkt der Arbeit darin besteht, der nicht-physischen Dimension des Lebens näher zu kommen. Ziel der Forschungsarbeiten ist es, zu einem tieferen Verständnis der menschlichen Natur vorzudringen und Klarheit über die Prinzipien der spirituellen Evolution zu erhalten.
Dr. Motoyama, Direktor und Leiter des Instituts, hat zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern über die Jahre unzählige parapsychologische Experimente durchgeführt. Für deren wissenschaftliche Dokumentation wurden spezielle Messinstrumente entwickelt. Die Ergebnisse sind, wie ich bei einem persönlichen Besuch feststellen konnte, erstaunlich. Nicht nur die Existenz des Chakra- und des Meridiansystems wurde wissenschaftlich nachgewiesen, sondern auch deren Wirkung über den physischen Seinsbereich hinaus. Ein wichtiges Ergebnis ist folgendes:
Viele Versuche haben gezeigt, dass Testpersonen, die seit längerer Zeit meditieren, bewusst über ihr Meridiansystem Qi zu einer anderen Person senden können. Das Besondere bei diesen Versuchen ist, dass sie auch gelangen, wenn beide Personen in verschiedenen elektromagnetisch abgeschirmten Räumen saßen.
Qi kann daher nicht mit einer elektromagnetischen oder ähnlichen Energieform identisch sein, deren Wirkung sich mit unserem bisherigen Weltbild in Einklang bringen ließe. Es ist mehr ein Medium, das sich zwischen Materie und Geist bewegt. So kann es physische Funktionen im Körper unterstützen, indem es die verschiedenen Meridiane durchströmt. Gleichzeitig wirkt es aber dort, wo es vom Bewusstsein hingeleitet wird. Und das unabhängig von räumlicher Distanz und anscheinend über eine nicht-physische Dimension, die der Wissenschaft noch so gut wie unbekannt ist.


Dieser letzte Punkt wird auch von chinesischen Qigong-Meistern meist übersehen. Diese erklären das Aussenden und Empfangen von Qi oft mit Hilfe des Modells von Radio- und Fernsehwellen. Tatsache ist aber, dass keine Form von Welle irgendeine Distanz zurücklegt, sondern dass das Qi direkt dort wirkt, wo die Aufmerksamkeit des Geistes ist. Hier entsteht ein entscheidender Riss in unserem Weltbild.
Die wissenschaftliche Erforschung des Qi steht bisher noch am Anfang. Dr. Motoyama, der Wissenschaftler und zugleich ein anerkannter Yoga-Meister ist, kann daher nur als These formulieren, was zu erforschen noch ansteht: Aufgrund der Ergebnisse jahrelanger Versuchsreihen liegt für ihn die Vermutung nahe, dass jeder echte spirituelle Fortschritt mit einer vermehrten Aktivierung des Chakra- bzw. Des Meridiansystems einhergeht. Dabei spielt es keine Rolle, welcher religiösen oder esoterischen Tradition eine Person angehört.

Spirituelle Erfahrungen sind für Dr. Motoyama somit mehr als rein geistige Phänomene, denn sie hinterlassen Spuren im Energiesystem des Menschen und wirken auch auf den Körper zurück. Auf der physischen Ebene muss sich dies nicht unbedingt in äußerlich sichtbarer Vitalität niederschlagen. Gerade eine tugendhafte Geisteshaltung, die in vielen Traditionen durch langjährige Reinigungsübungen und Gebete angestrebt wird und die das zentrale Element aller Religionen ist, zeigt sich mehr in feineren Veränderungen des ganzen Wesens als in einem Zuwachs an Dynamik und Lebenskraft.
Dem Qi kommt dabei die Rolle eines Mediums zu, durch das spirituelle und religiöse Erfahrungen erst ermöglicht werden: es ist das Qi, durch das das Bewusstsein in der Grenzenlosigkeit wirkt. So schreibt Dr. Motoyama:

“Bewusstsein besitzt eine enorme Kraft. Es kann uns – und es tut es auch unbewusst – direkt mit dam Geist anderer Menschen und anderen materiellen Formen verbinden. Es ist nicht unbedingt durch die fünf Sinne, durch Zeit oder Raum begrenzt. Bewusstsein ist eine vereinigende Totalität, wie das schon Mystiker seit langem behauptet haben. Die trennenden Grenzen, die wir im täglichen Leben erfahren, sind schließlich nur Illusionen.”

Ich hoffe, dass es mit dem Beginn des nächsten Jahrtausends zu einer weiteren
Annäherung von Wissenschaft und Religionen untereinander kommt. Es ist wichtig, die Traditionen zu bewahren, aber gleichzeitig ist es auch von globaler Bedeutung, jenseits von kulturellen und emotionalen Interpretationen zu einem einheitlichen Verständnis der wirklichen Natur des Seins zu kommen. Das kann nicht nur für den einzelnen Menschen auf seinem Lebensweg hilfreich sein, sondern zudem kulturelle und religiöse Konflikte vermeiden oder zumindest verringern.
Die Erforschung der Meridiane, der Chakras und des Qis kann dazu ein wichtiger Schlüssel sein.

(1) Chakra-Physiologie, Dr. Hiroshi Motoyama,